Gerd Grzesczak - Das Urgestein der Berliner Stuntgeschichte.

Donnerstag ist Membertag und somit kommt über die Hauptfigur des heutigen Tages auch ein kleiner Beitrag hier auf meinem frischgeschlüpften Blog😊


Um Gerd Grzesczak geht es heute - Das Urgestein der Berliner Stuntgeschichte.


In unserer intimeren Runde kannst du dir heute zu diesem hübschen Bild die dazugehörige Anekdote von Gerd anhören:






Ich bat Gerd als allerletzten Stunti um ein Interview, trotzdem er auf meiner Wunschliste unter den Top fünf stand. Wir kannten uns schrägerweise noch gar nicht, obwohl ihn eigentlich jeder kennt, wir in derselben Stadt arbeiten und ich mit einem seiner Söhne damals ab und an trainiert hatte. Ich nannte es Taktik, doch wenn ich ehrlich bin, war ich einfach nervös. Urgesteine machten irgendetwas mit mir, sodass ich Angst davor hatte, Scheiße zu bauen.

Dazu gab es aber überhaupt keinen Grund. Ich habe noch nie ein Interview geführt, in dem ich so herzlich aufgenommen wurde und mich nach 7,5 Stunden Geschichten-Rodeo fast schon wie eine alte Bekannte fühlte. Ich wurde von ihm in sein Zuhause eingeladen und er empfing mich mit seiner wundervollen Frau. Später setzte sich noch sein jüngster Sohn mit an den Tisch und das Interview wurde zu einem gefühlten Stammtisch mit Wein und Tapas. Als ich irgendwann nach Mitternacht die Runde verließ, dachte ich mir nur, dass man über Gerd´s buntes Leben ganz sicher drei dicke Bücher schreiben könnte und keines davon langweilig wäre! Geradliniger Lebenslauf geht anders und ich liebe es!


Als Erstes ein kleiner Überblick:








Ein kleiner Vorgeschmack auf sein unfassbar buntes und verrücktes Leben

Das vollständige Interview gibt es dann bald auf der Memberpage, melde dich noch heute an um nichts zu verpassen:)


Gerd wuchs zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin auf und fiel schon mit sieben politisch unangenehm auf. Künstlerisch hochbegabt, wurde er als bester Zeichner für einen Filmdreh ausgewählt und statt wie gewünscht etwas „Süßes“ mit dem Finger auf eine Autoscheibe zu zeichnen, skizzierte er das kapitalistische Feindbild „Dagobert Duck“. Das gab Ärger! Der Anfang seiner Stasiakte.

Parallel zu seiner frühen Rebellen-Karriere, fing er mit dem Reiten an. Bis zur Pubertät voltigierte er leidenschaftlich und startete mit 14 seine Karriere im Turniersport in der Kategorie Vielseitigkeitsreiten. Da fällt man natürlich auch mal vom Pferd und als ein Filmteam zufällig Pferdefall-Talente suchte, war das Gerds Sprung ins Filmgeschäft.

Nach der Ausbildung zum Steinmetz wurde er mit 18 zu seinem Unmut zum Militär eingezogen. Natürlich haben ihn das Reiter-Kader, seine Ausbildung zum Aufklärer und das Training im modernen Fünfkampf in seiner späteren Film-Karriere geholfen, aber zu dieser Zeit sah er nur all den stumpfen Unsinn im gesamten DDR- System.

„Einmal“, erzählt er mir, „wurden wir Soldaten mitten im Wald abgesetzt und sollten uns zu Fuß innerhalb von drei Wochen bis zur Ostsee durchschlagen, um von U- Booten abgeholt zu werden. Dabei hatten die DDR nicht mal welche. Mir war das zu dämlich. Ich hielt ein Auto an, um mich mitnehmen zu lassen und machte mir ein Dicken bei einem Bauern. Kurz davor lief ich dann erholt zu Treffpunkt. Wir wurden von Schlauchbooten abgeholt. Was für ein Schwachsinn!“

Ich schätze solche Aktionen waren der Grund, dass Gerd beinahe das Militär-Limit an Knast-Tagen sprengte.

Während der Armeezeit bewarb er sich für das Studium zum Bildhauer und wurde inklusive Stipendium angenommen. In den Semesterferien drehte er immer wieder als Stunti mit. Wenn er nicht gerade im Gefängnis saß, weil er Rock'n Roll im gelben Cordanzug getanzt hatte.

1976 war es dann so weit. Die DDR hatte genug von Gerds Rebellentum und stufte ihn als politisch unerwünscht ein. Er wurde ausgewiesen.

Das kam ihm natürlich recht, vor allem weil ihm die Kunstzensur mehr und mehr zu schaffen machte. Doch ganz Deutschland nervte ihn.

Gerd entschied sich in ein Kunstland zu ziehen, um dort sein Studium zu beenden. Italien sollte es werden. Das fand die kommunistische Regierung auch nicht so gut, daher ließen sie ihn lieber noch zwei weitere Jahre warten. Bis sie „versehentlich“ einen Italiener an der Grenze erschossen. Zu Weihnachten 1976 flog er dann endlich mit seinem vier-jährigen Sohn nach Mailand.

Sieben Jahre lebte Gerd in Italien. Er baute eine sozialtherapeutische Einrichtung auf, die Kunst und Pferde als Therapie vereinte, füllte Kunstausstellungen mit seinen Kreationen und arbeitete weiterhin als Stuntman für Opern, Shows und Filme im In und Ausland. Und am allerwichtigsten, er lernte seine Traumfrau kennen, mit der er heute noch ein Herz und eine Seele ist.

Als sein Vater schwer krank wurde, gingen sie zusammen zurück nach Berlin. Er putzte Klinken am Ku‘damm um Aufträge von Filmproduktionen zu bekommen und Stück für Stück entwickelte sich seine Position zum Stuntkoordinator. Diesen Posten hatte es zuvor nämlich nicht gegeben. Seine Firma wuchs und wuchs und der Name Grzesczak wurde zu einer Marke. Mit seinen Firmen „Filmpferde“[1] und „The European Stuntnetwork“ ist er eine nicht mehr wegzudenkende Größe im europäischen Raum und seine zwei jüngeren Söhne treten in seine Fußstapfen.


Unter Androhung der Scheidung performte er 2017 seinen

letzten Stunt. Seit seinem 70sten entfernte er sich gänzlich vom

Set, um sich wieder ganz der gestalterischen Kunst und dem

Bau von Pferdedummies zu widmen.



Ach übrigens: Gerd hatte seinen denkwürdigsten Drehtag als Stuntdouble für Dieter Hallervorden. Seine Geschichte “Gerd, der Leo” kannst du in meinem Buch



"Kannst du bitte etwas langsamer fallen?! - Ein Buch voller abgedrehter Stuntgeschichten" lesen.


Vorgeschmack:



“Ganz sicher dachten viele Leute, ich sei ein armer irrer Obdachloser mit animalischen Fetischzügen.”








Gerd im Netz:

www.filmpferde.com

www.theeuropeanstuntnetwork.eu


[1] Partner: Simon Grzesczak, Vanessa Widuwilt und Susanne Sera

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